EINTRACHT

Eintracht Frankfurt hat in dieser Saison mit dem Erreichen des Halbfinales des Europa League für eine große Überraschung gesorgt. Aber auch abseits des Platzes beeindruckt der Verein mit einem fanorientierten Ansatz, der sich auszuzahlen scheint.

Vor dem Heimspiel gegen Chelsea sprach FSE mit Henning Schwarz, dem Geschäftsführer der Fanabteilung, sowie Justiziar Philipp Reschke, dem Bereichsleiter für Sicherheit, Fanbetreuung und Spieltagsleitung.

FSE: Was bedeutet die Qualifikation für Europäische Spiele für einen Club wie die Eintracht, sowohl für die Fans als auch den Verein?

Henning Schwarz: Für uns ist es das größte was uns passieren kann, nach Titelgewinnen wie dem ersten Titel seit 30 Jahren, dem Pokalsieg im letzten Jahr. Frankfurt ist Europastadt. Die ganze Szene und der Verein brennen auf Europa. Wenn man durch Frankfurt und die einzelnen Viertel läuft, spürt man wie wichtig das für die Leute ist, zumal wir uns ja nicht jedes Jahr für Europa qualifizieren. Wir haben uns das letzte Mal vor 6 Jahren qualifiziert und dementsprechend zelebriert man da jedes Spiel auf eine besondere Art und Weise. Es war dann natürlich sehr hart gleich beim ersten Spiel in Marseille nicht ins Stadion zu dürfen. Die Euphorie wurde aber dann von Runde zu Runde noch grösser, nachdem wir einfach durch die Gruppe marschiert sind und dann auch noch die schwereren Gegner geschlagen haben in den KO-Runden.

Phillip Reschke: Wir betrachten als Verein jeden Spieltag ob auswärts oder zuhause als großen Festakt - aufgrund der seltenen Gelegenheit, zu der wir die Freude haben am internationalen Wettbewerb teilnehmen zu dürfen und in Anbetracht einer recht schillernden Historie in den 90er und auch früheren Jahren. So etwas wie unser UEFA-Cup-Gewinn 1980 ist natürlich immer ein ruhmreicher Fixpunkt in der DNA eines Vereines. Seit fast 60 Jahren haben wir zudem nicht mehr an der CL League bzw. dem Meisterpokal teilnehmen können, das zeigt ja auch, dass wir kein Dauergast auf Europäischer Bühne sind und dass die Teilnahme deswegen etwas Besonderes ist. Und wenn man jedes Spiel als ein solches Fest betrachtet, dann überträgt sich das auch schnell in alle Bereiche, auch den sportlichen: Die Mannschaft lässt sich davon infizieren, wenn Fans jedes Spiel mit Choreographien und unglaublich viel Engagement und noch mehr Herzblut als im Ligabetrieb begleiten, von der unglaublichen Wucht unserer vier Kurven ganz zu schweigen. Das schaukelt sich dann gegenseitig hoch zwischen Mannschaft und Fans. Unser Vorstandsmitglied Axel Hellmann hat gesagt: „Wenn die Mannschaft den Rasen betritt ist es als wenn sie in den Zaubertrank gefallen sei. Sie halten sich für unbesiegbar“. Der Wettbewerb hat eine völlig andere Aura und daher ist die Teilnahme für alle Beteiligten etwas sehr, sehr besonderes.

FSE: Du hast erwähnt ihr habt seit 60 Jahren nicht im höchsten europäischen Wettbewerb gespielt, aber wir nehmen an ihr empfindet die EL nicht als Wettbewerb 2. Klasse, im Gegensatz zu manch anderem Vereinen, wo man ab und zu das Gefühl bekommt die EL wäre eher eine Last.

P: Ja, genau. Für uns sind die EL-Spiele aktuell die höchsten Weihen. Wir kennen die andere Liga ja nur aus dem Fernsehen. Aber ich möchte auch nicht über die anderen, routinierteren Clubs urteilen. Uns fehlt einfach diese Erfahrung.

FSE: Henning, du hast bereits erwähnt, dass ihr zum ersten Spiel nicht nach Marseille fahren durftet, ich kann mir vorstellen, dass das ein relativ harter Schlag für Fanszene und Verein war?

H: Exakt. Erstmal natürlich das wir schuldlos einem Auswärtsbann unterworfen wurden, das war schon schwer genug. Was dem ganzen dann aber die Krone aufgesetzt hat, war diese Allgemeinverfügung, dass auch keine Eintracht-Fans die Stadt betreten durften. Weswegen man ja auch mit der Hilfe von FSE und ANS dagegen vorgegangen ist.

P: Da gab es auch keine langen Diskussionen im Verein. Wir halten solch ein kommunal verordnetes Stadtbetretungsverbot für Fußballanhänger für eine völlig unverhältnismäßige und rechtstaatlich hochbedenkliche Maßnahme gegenüber einer sich nach Zufall und Geisteshaltung zusammenstellenden völlig heterogenen Personengruppe. Darin kann bei allem Verständnis für Sicherheitsinteressen nicht die Zukunft des europäischen Fußballs liegen und deswegen sind wir dagegen vorgegangen, auch wenn wir wussten, dass in der Kürze der Zeit bis zum Spiel wenig Aussicht auf Erfolg bestehen würde. Aber hier geht es ums Prinzip und um die Zukunft. Nach Marseille ist vor Marseille. Und deswegen haben wir ein hohes Interesse daran, dass ein Verwaltungsgericht in Frankreich – in welcher Instanz auch immer – abschließend über die Rechtmäßigkeit einer solchen Maßnahme entscheiden wird. Im Moment sind wir in der 1. Instanz und das ist ein langwieriges Verfahren (wir rechnen mit einer Dauer von 1 1/2 -2 Jahren), aber wir möchten Klärung haben für die Zukunft.

FSE: Aus deiner Antwort entnehme ich, dass schon die Strafe für Olympique Marseille, die auch Euch betroffen hat kritisch gesehen wird?

H: Generell können wir sagen, dass wir Kollektivstrafen in welcher Form auch immer ablehnen. Wir sind immer für eine täterorientierte Bestrafung in der Bundesliga gewesen und an dieser Meinung ändert auch der Europäische Wettbewerb nichts.

P: Uns ist bewusst, dass es die UEFA als Veranstalter eines Wettbewerbs mit derart vielen Kulturkreisen, Nationen und Clubs noch sehr viel schwerer hat, ein einheitliches Niveau an Ordnung und Sicherheit zu halten, als es die Nationalverbände haben. Aber am Ende zeigt eben die Auswirkung einer solchen Kollektivstrafe, nämlich dass völlig Unschuldige und Unbeteiligte, die zum Zeitpunkt des strafauslösenden Ereignisses noch nicht mal in der betreffenden Liga gespielt, sondern Tausende Kilometer weit weg in Berlin das Pokalfinale vorbereitet haben, betroffen sind, wie kontraproduktiv und wenig hilfreich dieses Sanktionsmittel ist.

FSE: Mal kurz zum Spieltag an sich: Was macht der Verein für seine Fans, welche Services bietet er seinen Fans an?

H: Von der Seite der Fanabteilung bieten wir zu jedem Spiel Reisen an, inklusive Transfers und Tickets. Dieses Angebot richtet sich in allererster Linie an unsere 52.000 Mitglieder, für die ich arbeite. Vom Verein aus reisen sieben Fanbeauftragte (SLO´s) zu den Spielen, von denen fünf hauptamtlich für die Eintracht arbeiten. Dazu gehört natürlich auch die Betreuung der Fans mit Beeinträchtigungen.

P: Außerdem ist noch das Frankfurter Fanprojekt mit 3-5 Personen am Start. Von der Vorplanung über die Ticketdistribution bis zur Reise und Anlaufstelle vor Ort sind wir auf verschiedensten Ebenen für unsere Fans da. Dabei denken wir weniger an den „Europa League Touristen“, der auch mal irgendwo hinfahren möchte, als vielmehr an die organisierte Fanszene. Wir strukturieren die Abläufe und sind Ansprechpartner dort, wo wir das sein können. Darüber hinaus sind wir - gerade in der Vorbereitung - Puffer und Mittler zu den völlig heterogenen Sicherheitsstrukturen am jeweiligen Standort, die sich von Charkiw bis Lissabon ja nicht nur geographisch unterscheiden, sondern auch anhand der Philosophie, Einsatzstrategie, Herangehensweise, Kommunikationsbereitschaft, Umgangskultur etc.

Wir versuchen, die Standorte auch auf unsere nicht immer einfache Szene vorzubereiten. Das gelingt dann eben mal besser und mal weniger gut. In diesem Zusammenhang haben wir es auch mit der Fanabteilung über deren Kontakte zu FSE eingerichtet, eine Art Rechtshilfe zu organisieren, in deren Rahmen wir mit lokalen Fananwälten zusammenarbeiten, um Fans, die vor Ort Probleme bekommen –ob verschuldet oder unverschuldet – anwaltliche Hilfe zur Verfügung stellen. Wir wollen einfach sicherstellen, dass da niemand in einem dunklen Loch vergammelt und unbeobachtet oder gar rechtelos seinem Schicksal überlassen wird. Damit soll jedem zeitnah und qualitativ hochwertig Hilfe zukommen, für die derjenige zwar im Fall der Fälle selbst anschließend zahlen muss, aber die zumindest gewährleistet, dass er da nicht vergessen wird, sondern möglichst mit allen anderen wieder zurück in die Heimat kommt. Wir haben da in Marseille, Rom, Mailand und Lissabon sehr gute Erfahrungen mit den jeweiligen KollegInnen gemacht.

FSE: Vielleicht noch eine abschließende Frage zum Ticketing: Durch die UEFA Regelung, dass (Im Gegensatz zu dem 10% Kontingent in der Bundesliga) nur 5% der Stadionkapazität zur Verfügung stehen, dürfte die Verteilung ja nicht immer einfach gewesen sein?

P: Ja, bei einem Spiel wie jetzt bei Chelsea können wir natürlich nicht alle Anfragen berücksichtigen, das ist eben so, damit müssen wir leben. Aber wir sind grundsätzlich so ausgerichtet, dass wir v.a. die Viel-und Allesfahrer, zuerst berücksichtigen und sind stark bemüht, den harten Kern immer mitzunehmen. Das ist oft nicht einfach, aber wir haben da ein ganz gutes System. Eine Ticketverlosung gibt es bei uns jedenfalls nicht.

FSE: Ihr seid von völlig absurden Preisen ja bisher verschont geblieben, was war die teuerste Karte bisher und wie legt ihr die Preise fest für Eure Heimspiele in Bezug auf die Preise für den Gästeblock?

P: Das teuerste Spiel bisher war in Mailand, da haben die Karten des Regelkontingents 30 Euro gekostet, die 8000 zusätzlichen Karten, die wir erhielten, waren mit 40 Euro etwas teurer. Das ist aber auch Ok, wenn der Gastverein uns auf unseren Wunsch hin nochmal so viele Karten einer höheren Kategorie zur Verfügung stellt. Aber Ihr habt recht, wir sind zum Glück noch nicht Opfer eines Preiswuchers geworden. Für unsere Heimspiele nehmen wir uns die Freiheit, auch auf die Preispolitik des jeweiligen Gegners zu reagieren. Unsere Fans mussten in der Ukraine zum Beispiel nur 5 Euro Euro bezahlen, daher haben die Tickets für die Gäste von Schachtar Donezk bei uns auch nur 5 Euro im Gästeblock gekostet. Nach unserem Verständnis gehört sich das einfach so.

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