testNach fast zwei Jahren des Protests gegen den verpflichtenden Fanausweis Passolig können die türkischen Fußballfans darauf einstellen, ein erfolgreiches Ende ihrer Kampagne zu feiern.

Das verpflichtende Fanausweissystem Passolig wurde in der Saison 2014/2015 eingeführt. Hintergrund ist die Einführung elektronischer Tickets nach dem Gesetz 6222 (Verhinderung von Gewalt und Störungen in Sportstätten), am 14. April 2011 vom türkischen Parlament verabschiedet worden war. Im Gesetz wurde das eletronische Ticket als elektronische Karte definiert, auf der die Ausweisnummer des Inhabers gespeichert ist. Die Einführung von Passolig schoss jedoch weit über dieses Ziel hinaus, was einer der Haupteinwände der beteiligten Fananwälte gegen die Karte ist.

“Passolig” ist eine Handelsmarke der Aktifbank. Um die Karte zu erhalten musste man ihr außerdem detaillierte Ausweisdaten (z. B. Familienstand, Wohnsitz, Beruf, etc.) mitteilen, sowie ein Passfoto einreichen. Zudem sollte man nicht nur für die eigentliche Eintrittskarte, sondern auch für die Passolig-Karte an die Bank zahlen. Interessantes Detail: Die Bank war eine Neugründung, bei der vor Passolig niemand Kunde war und ihr Besitzer ist der Schwiegersohn des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Zusätzlich wurden Hightech-Kameras in allen Stadien installiert und hochmoderne elektronische Identifikationssysteme (zur Gesichtserkennung und zur Kontrolle der Ausweisdaten an den Einlasstoren) in den beiden höchsten Profiligen der Türkei eingeführt.

DIE FANPROTESTE

Die Fans reagierten schnell auf Passolig. Fananwälte der FSE-Mitglieder von Taraf-Der (Fanrechte-Organisation) reichten direkt nach der Einführung des Systems Beschwerde beim Verbraucherschutzgericht in Ankara. Von Beginn an erhielten sie Rückhalt und Unterstützung von anderen europäischen Fans, die bei Football Supporters Europe (FSE) organisiert sind.

Bereits nach wenigen Wochen, im September 2014, entschied das Gericht, dass Passolig die Verbraucherrechte verletzt und dass das System zurückgenommen werden müsse. Die TFF (Turkish Football Federation) erklärte allerdings, dass es unmöglich sei diese Entscheidung umzusetzen, was zu einem beträchtlichen Chaos in den folgenden Wochen führte. Zur selben Zeit, und wieder mit der Hilfe der Anwälte von Taraf-Der, reichten zahlreiche Fußballfans individuell Beschwerde bei der Werbeaufsichtsbehörde der Türkei ein, die entschied, dass Passolig-Werbung in den Medien nicht verbreitet werden darf, da diese als irreführende Information angesehen werden muss, die den Verbraucher betrügt. Angesichts dieser Entwicklungen vereinigten sich türkische Fangruppen und Fanvereinigungen wie Taraf-Der und THD (Fanrechte-Organisation) und riefen zum Boykott von Passolig auf.

Als Resultat dieses Aufrufs und wegen massiver infrastruktureller Probleme hinsichtlich des Eintritts in die Stadien (bürokratische Hürden beim Ticketerhalt, und Gesichtsscanner, die den Einlass verzögerten) sahen sich die türkischen Vereine einem dramatischen Zuschauerschwund gegenüber. In der Saison 2014/2015 sanken die Zuschauerzahlen im Durchschnitt um 50 %, einige Erstligaclubs verloren gar 90 % ihrer Zuschauer.

Außerdem hatte die Bank hinter Passolig erklärt, dass das Ziel sei, zum Start der Saison 2014/2015 eine Million Karten abgesetzt haben zu wollen. In der Realität erreichte sie dieses Ziel erst nach zwei Jahren. Noch immer gibt es Gerüchte um die offizielle Anzahl verkaufter Karten, da durchschnittlich nur 79.000 Zuschauer pro Woche in den Stadien der ersten Liga gezählt werden. Das ist immer noch deutlich weniger, als in den Zeiten vor Passolig und weit unter den offiziellen Zahlen von Passolig. Deshalb begannen viele Club-Präsidenten, sich gegen Passolig aufzulehnen, darunter die Präsidenten großer Vereine wie Fenerbahçe und Galatasaray. Die Fanreaktionen alarmierten auch die Sponsoren. Als Konsequenz daraus kündigte Ülker, Hauptsponsor von Fenerbahçe, Galatasaray und der TFF, an, im Januar 2015 die fußballbezogenen Sponsoring-Deals zu beenden, da die Popularität des professionellen Fußballs so stark gesunken ist.

Eines der Hauptargumente der Fananwälte gegen das Ticketing-System ist der mangelnde Schutz der sensiblen persönlichen Daten der Fans. Am 2. November 2014, kurz vor dem Derby zwischen Beşiktaş JK und Fenerbahçe, waren auf einmal alle persönlichen Daten der Passolig-Inhaber öffentlich zugänglich, da es einen fatalen technischen Fehler auf der Passolig-Website gegeben hatte. Dieser Vorfall spielte ihnen natürlich in die Hände und verlieh ihren Argumenten Nachdruck.

Eines der Argumente pro Passolig war außerdem, dass das System den Schwarzmarkt vor den Spielen beenden könne. Dies stellte sich als falsch heraus. Der Schwarzmarkt änderte lediglich das Format. Tickets werden nun nicht mehr vor dem Stadion sondern online weiterverkauft. Fenerbahçe SK warnte daher am 6. März 2015 seine Fans sogar vor dem Schwarzmarkt im Internet.

Die Fanproteste hatten sogar Auswirkungen auf die Politik. Kurz vor den landesweiten Wahlen im Juni und November 2015 bekannten sich die beiden Oppositionsparteien CHP und HDP öffentlich im Wahlkampf zur Abschaffung des Passolig-Systems. Auch das kann als Erfolg für die Fans gewertet werden – es ist das erste Mal in der politischen Geschichte der Türkei, dass fußballbezogene Themen und Fanwünsche im Wahlkampf Aufmerksamkeit erfahren haben.

Parallel zu diesen Entwicklungen gab es auch noch ein schwebendes Gerichtsverfahren: das Verbraucherschutzgericht in Ankara entschied am 18. November 2014 den fall an das türkische Verfassungsgericht zu geben, das höchste Gericht der Türkei, das nun darüber zu befinden hatte, ob das derzeitige System der Fanausweise verfassungswidrig ist oder nicht. Das Verbraucherschutzgericht schlug vor, Passolig und das damit verbundene Gesetz 6222 abzuschaffen. Ein Jahr später, im November 2015, befasste sich das Verfassungsgericht nun mit dem Fall. Bis jetzt gibt es noch keine finale Erklärung zur Entscheidung der Richter, doch Staatliche und nationale Presseagenturen (z.B. Anadolu Agency) vermuten bereits, dass das derzeitige Fanausweissystem nicht mit der türkischen Verfassung und dem Datenschutz vereinbar ist. Es wird erwartet, dass das Verfassungsgericht die Regelung der Weitergabe der Ticketdaten von Vereinen an Drittparteien zurücknehmen wird.

Die endgültige Entscheidung über das Ende des derzeitigen Passolig-Systems soll am 9. Dezember 2015 in Ankara gefällt werden. Es ist sehr davon auszugehen, dass das Passolig-System in seiner derzeitigen Form abgeschafft wird, was ein großer Sieg für die türkischen Fans wäre!

Als Taraf-Der und FSE laden wir alle Fans dazu ein, der Verhandlung beizuwohnen und die Fananwälte am 9. Dezember in Ankara zu unterstützen.

Unsere Stärke entsteht durch Einheit!

Mehr Hintergrundartikel (in Englisch):

Middle-East-Soccer Blog – Turkish soccer: Illiberal President Erdogan’s latest victim

Research Turkey - Government and Fans Battle in Court and on the Pitch in Egypt and Turkey

Middle East Eye – Could Turkish Football Collapse?

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